Virus Digitalisierung

#DINversusCorona: Hat uns die Corona-Krise veränderungsbereiter gemacht?

Es ist ein Virus, der die Digitalisierung schnell vorangetrieben hat.

Am siebten #DINversusCorona Virtual Meetup diskutierten wir mit 25  Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Frage, ob und wie sich die Gesellschaft aufgrund der ausserordentlichen Lage langfristig verändern wird. Wir haben ein paar Thesen und Fragen mit unseren Mitgliedern und Gästen diskutiert und festgestellt, dass alle eine Zäsur in der Geschichte der Digitalisierung sehen. Nur was längerfristig bleibt, ist umstritten.   

Text: Thomas Gees und Raphaël Karlen, Vorstandsmitglieder DIN

Alle am Meetup waren überrascht, wie schnell man nach dem Shutdown (von einem Lockdown sprechen wir an dieser Stelle lieber nicht) innert Kürze eine neue funktionierende Arbeitswelt geschaffen hatte; und wie rasch sich die Menschen daran gewöhnten. Über Nacht habe alles gut geklappt, und mittlerweile sieht es sogar danach aus, als ob niemand mehr zurückkommen möchte. Die Skepsis gegenüber dem Homeoffice war rasch weg: Effizientes und diszipliniertes Arbeiten ist auch von zu Hause möglich.
Wäre man in fünf Jahren besser vorbereitet, wenn eine ähnliche weltweite Krise die Schweiz erreichen würde? Alle waren sich einig, dass in den wenigen Wochen eine sehr steile Lernkurve festzustellen war. Selbst bei Unternehmen, die eigentlich schon lange digitalisierungsfähig waren, war die Überraschung gross über die rasante Anpassungsgeschwindigkeit.  Was aber kommt nach der Phase des Shutdowns?

Die Forcierung der Digitalisierung wirft eine neue soziale Frage auf

Wir sind der Meinung, dass mit der zunehmenden Digitalisierung die soziale Kluft nicht kleiner geworden ist. Gerade im Fernunterricht der Volksschule zeigt sich, dass die Digitalisierung zwar technisch einwandfrei funktioniert, doch bedarf es dazu zu Hause eine geeignete Infrastruktur und bisweilen die Unterstützung der Eltern. Was, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, nicht alle Kinder ein eigenes Notebook zur Verfügung haben? Diese eher skeptische Haltung wurde allerdings nicht geteilt: die meisten Voten gingen eher in eine andere Richtung: auch sozial schwächere Haushalte würden ein Smartphone besitzen und sich rasch mit den neuen Kommunikationsplattformen gut zurechtfinden.

Werden wir in Zukunft bewusster konsumieren? Wird das ehrenamtliche Engagement zunehmen?

In der Runde waren sich zwar alle einig, dass es wünschenswert wäre, wenn gesellschaftliches Engagement und die momentan neue Nachbarschaftshilfe auch über die Corona-Phase hinaus Bestand hätten. Doch viele waren skeptisch: Das Bedürfnis nach möglichst global und günstige verfügbaren Produkten werde sich rasch wieder einstellen. Doch könnten nicht auch neue Businessmodelle entstehen? Man habe doch gesehen, dass die globalen Lieferketten sehr anfällig seien. Mehr regionale Produktion wäre durchaus möglich und würde auch die Sicherheit erhöhen. Dennoch: vermutlich würden sich die Menschen rasch wieder an die «alten» Zustände gewöhnen wollen, wenn das Hamsterrad wieder zu laufen beginnt.

Die digitale Demokratie könnte jetzt einen grossen Schritt vorwärts machen 

Wir sind überzeugt, dass die digitale Demokratie einen grossen Schritt vorwärts machen könnte. Bis vor kurzem waren digitale Entscheidungsverfahren gerade auf einem Tiefpunkt angekommen. Die elektronische Stimmabgabe, jahrelang in Pilotprojekten gefördert, fiel gerade im vergangenen Jahr ins Koma. Nun aber zeigt sich: wenn die Behörden über ihre ausserordentlichen Vollmachten regieren, dann fragt niemand nach den Distanzregeln. Parlamentszusammenkünfte, gar Volksabstimmungen und teilweise Wahlen auf kommunaler Ebene wurden hingegen einfach abgesagt. Erst langsam beginnt man sich daran zu gewöhnen, dass die Anforderungen an elektronische Abstimmungen zwar sicher sein müssen, aber nicht einen höheren Sicherheitsstandard aufweisen können als analoge. Viele Menschen möchten, dass die demokratischen Instanzen ihre Rolle wieder spielen, wenn auch mit elektronischer Unterstützung. Das könnte den Bedenkenträgern von links bis rechts Wind aus den Segeln nehmen.  Die Diskussion um die Contact-Tracing-App zeugt von einem neuen Pragmatismus gegenüber digitalen Technologien. Auch der Bundesrat möchte die die digitale Partizipation fördern. In verschiedenen Hackathons wurde an neuen Formen alternativer Partizipation getüftelt. Anfragen kamen plötzlich aus der Politik, wie man eine online-Versammlung durchführen könnte.

Werden wir beruflich zukünftige dezentral arbeiten?

Was wird aus dem jahrelang nicht hinterfragten Konzept «Büro» im Dienstleistungssektor? Macht es Sinn, dass Millionen von Menschen jeden Tag um die gleiche Zeit in die Bürozentren strömen, dort acht Stunden ihre Zeit verbringen, bevor sie erneut die öffentliche Infrastruktur gleichzeitig belasten? Wenn wir aus dem Shutdown zurückkehren, wie werden wir dann zusammen arbeiten? Wenn in der Phase zwischen Mitte März und Mitte Mai 2020 bei den SBB zum Beispiel die Züge fahren, die Bürokomplexe aber leer stehen, dann könnte man schon ins Grübeln kommen, ob es so viel Energie braucht, wenn die Hardware doch eigentlich auch ohne Backoffice rollt?

Viele Voten gingen in die Richtung, dass die Art und Weise, wie wir arbeiten zu überdenken sei. Man werde hoffentlich Arbeit nicht einfach als Kostenfaktor beurteilen. Andere meinten, man hätte schon Erfahrungen gemacht, auf Distanz zusammen zu arbeiten, aber das brauche schon Energie. Die Bürosituation gerade in grösseren Unternehmen war häufig unbefriedigend. Es fehle immer an Räumen, wo wirklich gut zusammenarbeitet werden kann. Inskünftig werde aber genau hier ein grosser Bedarf entstehen. Dass man auf Distanz arbeiten kann, habe die Krise gezeigt, nun müsse man sich auch überlegen, warum man gerne physisch auch zusammenarbeiten wolle und welche Räumlichkeiten es dafür brauche.
Ob die Arbeit auch ausserhalb des klassischen Bürokomplexes möglich sei, hänge vor allem von den Chefetagen ab; tolerieren sie die neuen Freiheiten auch in der Post-Corona Zeit?

Ein interessanter Gedanke zu den Arbeitswelten entstand in der Diskussion. Könnte der Bedarf an Co-Working Spaces als Ort zwischen dem Heimbüro und dem standardisierten Office einen Schub erleben? Gerade auch in ländlichen Räumen? Der Workspace als Hybrid wäre ein durchaus mögliches Szenario auf dem Weg in die neuen Arbeitswelten.

Weitere Events in der Reihe #DINversusCorona im April und Mai 2020 sind unter digitalimpact.ch/events/ zu finden. Reinschauen und Mitdiskutieren erwünscht.

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